Unser Hundeprojekt in der JVA Freiburg

Quelle: BZ Freiburg
Sa, 02. Januar 2016 11:33 Uhr
Artikel aus der gedruckten Badischen Zeitung zu diesem Thema: Viel erlebt haben sie alle
02. Januar 2016 11:33 Uhr

Sicherungsverwahrte

Wie Tierheim-Hunde Sicherungsverwahrte besuchen

Viel erlebt haben sie alle: sechs Sicherungsverwahrte in der JVA
Freiburg bekommen regelmäßig Besuch von Therapie-Hunden. Das tut Mensch
und Tier gut.

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    Thorsten Maurer mit seinem Mittwochshund Jesper. Foto: privat

Bernhard Huber* und Sheker sind das Traumpaar. Huber, ein großer bäriger
Typ mit Stoppelbart und Strickmütze, sitzt etwas abseits auf den
Metalltreppen, die vom Gefängnishof in die Montagehalle führen, in der
er tagsüber arbeitet. Vor ihm liegt Sheker und hält still, während Huber
sie hinter den Ohren krault.

Die beiden werden diesen Platz in den nächsten anderthalb Stunden nicht
verlassen, während im Hof einige Männer und eine Handvoll Hunde hin und
her laufen, auch mal „Sitz!“ und „Platz!“ üben. „Ich mach da gar
nichts“, sagt Huber und krault. Die Rottweilerhündin, die als schwer
gebeutelter Straßenhund von Istanbul nach Südbaden geholt wurde, „hat
schon so viel durchgemacht, die kriegt hier von mir Schinkenwurst und
Streicheleinheiten, die soll das einfach genießen.“

Die Finanzierung ist gesichert

Bernhard Huber und Sheker – türkisch für Zucker – sehen sich einmal pro
Woche, immer mittwochs am frühen Abend beim Hundeprojekt für sechs
Männer, die in der Justizvollzugsanstalt Freiburg in
Sicherungsverwahrung untergebracht sind. Ein ähnliches Projekt gab es in
Freiburg bereits vor einigen Jahren in der Jugendabteilung.

Nachdem bis Ende des abgelaufenen Jahres die Finanzierung über den
Verein für Gefangenen- und Gefährdetenhilfe gesichert war, war Silvia
Schneider, Psychologische Leiterin der Abteilung für
Sicherungsverwahrung, froh, dass sie das Programm erneut anbieten
konnte. Seit das Bundesverfassungsgericht 2011 entschieden hat, dass in
der Sicherheitsverwahrung nachgebessert werden muss, der Aufenthalt
freiheits- und therapieorientierter gestaltet werden sollte, hat ihr
Team ohnehin nach neuen Wegen gesucht. Ziel soll sein, den
Sicherungsverwahrten zu helfen, Rückfälle zu vermeiden. Zudem sollen sie
auf einen möglichen Weg zurück in ein Leben in Freiheit vorbereitet werden.

Die meisten Sicherungsverwahrten in Baden-Württemberg, derzeit knapp 60,
leben in der JVA Freiburg. Sie dürfen, müssen aber nicht arbeiten und
haben das Recht auf vier begleitete Ausführungen im Jahr. Es gibt
Therapieangebote wie Einzel- und deliktorientierte Gruppengespräche,
eine Entspannungsgruppe, Bewegungs- und Kunsttherapie.

„Die Hundegruppe ist aber die einzige, in der nie jemand fehlt“, sagt
Schneider. Nur einer sei einmal weggeblieben, weil er krank war und
tagsüber deswegen nicht zur Arbeit ist – aber ihm habe währenddessen das
„Herz geblutet“. Viele Verwahrte seien wenig gesprächsbereit oder gar
wütend. Dank des Katalysators Hund habe man nun eine ganz andere
Gesprächsebene.

„Er ist ein Dickkopf“, sagt gerade einer der Männer und deutet auf den
Hund an seiner Leine. „Da ist er mit dem Richtigen zusammen“, ruft
Silvia Schneider und grinst. „Das habe ich mir gedacht, dass Sie das
jetzt sagen“, kontert Peter Huck. Früher, in der JVA Bruchsal, hat er
einmal ein Meerschweinchen beantragt, das wurde abgelehnt. Zwei Jahre
hatte er dann einen Wellensittich, heute hält er viele Fische – und der
Hund hier, der ist ihm auch schon ans Herz gewachsen, vor allem „wenn
man seine schwierige Geschichte kennt.“

Hund statt Spielkonsole

„Den würde ich am liebsten behalten“, ergänzt Huck. „Dafür würde ich
sogar meine scheiß Xbox opfern“, seine Spielkonsole. Huck streichelt den
Kopf des Hundes. Heinz Kassilski, ein zierlicher Mann mit Mütze, läuft
mit dem kleinsten Hund, Füchsle, vorbei. An ihr möge er am meisten ihren
Verstand – und dass sie trotz ihrer geringen Größe so selbstbewusst sei.

An diesem kalten Mittwochabend gibt es viele Streicheleinheiten auf dem
Gefängnishof. Dabei könnte man von diesen Männern anderes erwarten als
ein weiches „Ja, so ist’s fein!“ und „Du bist eine ganz Liebe!“ In
Sicherungsverwahrung kommen Menschen, die ihre teils mehrfache
Gefängnisstrafe längst verbüßt haben, die aber als so gefährlich für die
Allgemeinheit gelten, dass sie hinter Gittern bleiben müssen. Früher
landeten auch Wiederholungstäter wie Betrüger und Heiratsschwindler
dort, heute nur noch Gewalt- und Sexualstraftäter, die sehr schwere
Delikte begangen haben.

Jesper knurrt. Einer der Hunde ist neu in der Runde, und das scheint den
nervös wirkenden Pitbull-Terrier zu irritieren. „Jesper, hier“, sagt
sein Mittwochsherrchen Thorsten Maurer und zieht ihn an der Leine zu
sich. „Dem tut’s gut hier“, sagt Thomas Bierer, der Leiter der
Hundeschule „Tom’s Hundewelt“ aus Riegel, mit Blick auf Jesper.

Therapien mit Tieren gibt es in vielen Bereichen

Drei eigene Tiere bringt Bierer jede Woche mit, die anderen drei sind
wie Jesper aus dem Tierheim. Seit drei Monaten ist der bullige Terrier
nun schon dort, weil er bei seinen bisherigen Besitzern jemanden
„gezwickt“ habe. Im Heim beginne er bereits Zwangshandlungen zu zeigen.
Als Jesper wieder zu den anderen Hunden blickt und unruhig an der Leine
zieht, sagt Bierer zu Maurer: „Der geht schon wieder in die Spannung,
nimm ihn raus.“ Bierer nimmt die Leine, schnalzt mit der Zunge, gibt
also ein Umlenksignal, wie er es nennt, und Jesper ist mit Augen und
Ohren wieder bei ihm. „Viel Ruhe braucht der“, ergänzt der Hundetrainer
noch. Maurer antwortet, als er wieder die Leine übernimmt: „Ich denke
schon, dass ich die habe. Das habe ich schon in der Vergangenheit
gemerkt: Geduld zahlt sich aus.“

Therapien mit Tieren gibt es in vielen Bereichen. Für kranke Kinder,
alte Menschen, Menschen mit Behinderung und, wenn auch nicht so häufig,
für Menschen in Gefängnissen. Hunde sind dabei sicher der Klassiker,
weil sie seit Jahrhunderten ein enges Verhältnis zum Menschen pflegen.
Aber es gibt noch ganz andere Beispiele. In Offenburg etwa halten
Insassen Bienen und produzieren Honig. In der JVA Zeithain bei Riesa in
Sachsen züchten Häftlinge Weinbergschnecken, halten im Garten Hühner,
Schafe und Kaninchen.

Es geht um die emotionale Ebene

Bei jeder Form von tiergestützter Therapie steht laut Psychologin Silvia
Schneider die emotionale Ebene im Fokus. Es geht um Zuwendung, Freude,
Bindungsverhalten. Nicht zuletzt im Körperkontakt. „Mit dem tun sich
viele Untergebrachte eher schwer“, sagt sie. Schließlich haben die
meisten von ihnen in ihrem Leben „sehr, sehr viel Gewalt erfahren und
selbst auch ausgeübt“. Für die Therapeutin ist es beeindruckend zu
erleben, „wie jemand ganz anders wirkt, wenn er sich mit einem Tier
beschäftigt“. Im Idealfall lerne jemand, seine emotionale und soziale
Kompetenz zu verbessern. „Wir erwarten aber keine Wunder“. Das Projekt
sei lediglich ein Mosaikstein im Therapieangebot – den es auf jeden Fall
weiterhin geben soll. Sie will das Hundeprojekt im neuen Jahr als
Dauereinrichtung etablieren, mit Geld aus ihrem Honorartopf – grünes
Licht dafür habe es bereits gegeben.

„Links herum ist schwierig“, sagt Helge Kumpf zu Thomas Bierer, während
er an der Leine von Strolchi zieht, einem graubraunen Mischling. „Aber
es klappt immer besser.“ Kumpf sitzt im Rollstuhl, er hat nur je Zeige-
und Mittelfinger an jeder Hand. Die Leckerli platziert er deswegen in
die Lücke zwischen den beiden Fingern, wo Strolchi sie vorsichtig mit
der Schnauze herausholt. „Schön langsam, Strolchi, sitz! Keine Gier.“
Alle anderen Hunde seien beim ersten Treffen sofort abgehauen, als sie
den Rollstuhl sahen, sagt Kumpf. Nur Strolchi habe ihn gleich mal
gezwickt, da habe der Mann um die 50 gewusst: „Der isses.“

Abschied am Abend

Für Kumpf sind die anderthalb Stunden jeden Mittwoch der Höhepunkt der
Woche. Er arbeitet nicht – und für Rollstuhlfahrer sei hier gar nichts
ausgelegt. Und wenn, dann seien die Angebote komplett überfüllt. Was er
sonst macht? „Nichts. Fernsehen, Lesen, Puzzle.“

Es ist kurz vor halb sieben. Langsam versammeln sich alle rund um die
zwei Jeeps in der Mitte des Hofs. Ehrenamtliche Helfer von Thomas Bierer
und der begleitende Vollzugsbeamte leeren die drei Plastikschüsseln mit
Wasser aus, die nebendran standen. Jetzt steht sogar Bernhard Huber von
den Treppen der Montagehalle auf und läuft mit Sheker über den grell
beleuchteten Platz. Er zeigt der Rottweilerhündin, wo sie ins Auto
einsteigen soll, gibt ihr noch einen Klaps, dann dreht er sich um. Einer
der Männer, Tom Diehlke, ruft einer großen Kangalhündin noch hinterher,
während sie im Inneren des Jeeps verschwindet: „Elif, das mit dem großen
Knochen an Weihnachten ist versprochen.“

* alle Namen der Sicherungsverwahrten wurden geändert.
Sicherungsverwahrung

Rund 500 Menschen (davon eine Frau) sind in Deutschland derzeit in
Sicherungsverwahrung. Die Unterbringung ist grundsätzlich unbefristet,
einmal im Jahr muss ein Gericht jedoch prüfen, ob weiterhin eine Gefahr
von dem Untergebrachten ausgeht. Wird diese nicht mehr gesehen, wird
derjenige auf Bewährung in die Freiheit entlassen. Er erhält jedoch
nicht nur einen Bewährungshelfer, sondern wird auch einer
Führungsaufsicht – jeweils am zuständigen Landgericht – unterstellt. Oft
ist dies mit bestimmten Weisungen verbunden. Ein ehemaliger
(Wiederholungs-)Sexualstraftäter darf sich dann beispielsweise keinen
Kinderspielplätzen nähern. Auch gibt es die Möglichkeit einer
elektronischen Fußfessel.
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